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Leseprobe · Band 1

Das Amulett

KAPITEL 1
Ägypten, achtzig Kilometer südlich von Luxor, Oktober 1925

Das Grab roch nach dreitausend Jahren Schweigen.

Ich habe später oft versucht, diesen Geruch jemandem zu beschreiben, und bin jedes Mal gescheitert. Kalter Stein, ja. Alter Staub. Aber darunter lag noch etwas anderes, etwas, das ich an jenem Morgen nicht benennen konnte und das ich heute, nach allem, was geschehen ist, immer noch nicht benennen kann. Vielleicht war es einfach die Zeit selbst. Vielleicht riecht Zeit so, wenn man sie lange genug allein lässt.

Ich stand im Eingang und atmete sie ein, und mein Herz schlug so laut, dass ich Angst hatte, die Wüste hinter mir könnte es hören.

Hinter mir lag das Lager. Dreißig schlafende Menschen unter einem Himmel, der langsam von Schwarz zu Grau wurde, dreißig Menschen, die keine Ahnung hatten, dass die amerikanische Journalistin, die sie seit sechs Tagen höflich duldeten und ebenso höflich von allem Wichtigen fernhielten, gerade dabei war, sich ihre Geschichte selbst zu holen. Professor Whitfield hatte es mir gestern Abend wieder erklärt, mit dieser besonderen Geduld, die Männer für Frauen reservieren, denen sie nichts zutrauen: Die Kammer wird geöffnet, wenn sie geöffnet wird, Miss Cole. Wissenschaft ist kein Zeitungsartikel.

Nein, hatte ich gedacht und dabei mein braves Gesicht gemacht, das ich in acht Jahren Redaktion perfektioniert hatte. Wissenschaft ist kein Zeitungsartikel. Aber mein Artikel würde auch keine Wissenschaft werden, wenn ich noch eine Woche lang Teekisten katalogisierte, während die Herren unter sich blieben.

Also: hier. Allein, vor Sonnenaufgang, mit einer geliehenen Petroleumlampe und einem Gewissen, das erstaunlich still hielt.

Mein Vater hätte gesagt: Annie, das ist keine Neugier mehr, das ist eine Krankheit. Mein Vater hatte vieles gesagt. Er war Setzer gewesen, sein Leben lang, ein Mann, der die Worte anderer Leute in Blei goss und nie eigene dazwischenschob, und ich glaube bis heute, dass ich Journalistin geworden bin, weil einer von uns beiden die Fragen stellen musste, die er sich sein Leben lang verkniffen hatte.

Aus dem Inneren des Grabes strich ein Luftzug, kühler als die Morgenluft, und legte sich auf meine nackten Unterarme. Mein Körper zögerte. Ich nicht.

Ich trat ein.


Die Farbe traf mich zuerst.

Ich hatte Fotografien gesehen, natürlich, ganze Archive voll: schwarz-weiß, penibel beschriftet, fachkundig langweilig. Nichts davon hatte mich vorbereitet. Fotografien lügen. Sie lügen nicht durch das, was sie zeigen, sondern durch das, was sie einem verschweigen, und was sie mir verschwiegen hatten, war: dass diese Wände lebten.

Ein Blau, so tief, dass es hinter den Augen schmerzte. Ein Grün, das aus sich selbst zu glühen schien. Und das Rot der Haut der Figuren: ein warmes, atmendes Rot, das ich aus keiner modernen Palette kannte und das aussah, als würde darunter tatsächlich Blut fließen. Der Mann an der Wand mir gegenüber ging mit ausgreifenden Schritten auf mich zu, seit drei Jahrtausenden ging er, und einen absurden Moment lang war ich sicher, dass er ankommen würde, wenn ich nur lange genug wartete.

Ich stand einfach da. Ich weiß nicht, wie lange. Die Lampe zischte leise, irgendwo fiel ein Sandkorn, und ich stand in diesem Farbenrausch und spürte etwas, das ich seit Jahren nicht mehr gespürt hatte, seit den ersten Wochen in der Redaktion vielleicht, als noch alles möglich schien: dieses Aufgehen der Welt, dieses Es gibt mehr, als du wusstest.

Dann holte ich das Notizbuch heraus, weil die Hände etwas zu tun brauchten und weil Staunen mit Stift in der Hand immer noch Staunen ist. Manche Journalisten würden jetzt einfach dastehen, dachte ich. Ich auch. Nur eben schreibend.


Die Gänge zogen mich tiefer, und ich ließ mich ziehen.

Alle zwanzig Meter ein Kreidestrich auf den Boden. Das war keine Heldentat, nur der Rest von Vernunft, den meine Mutter mir mitgegeben hatte. Aber die Vernunft endete an den Kreidestrichen. Alles andere an mir war längst weiter vorn, in der Dunkelheit, wo die Lampe nicht hinreichte, und wollte wissen, was dort wartete.

Die Hauptkammer öffnete sich so plötzlich, dass ich stehen blieb, als hätte mich jemand an der Schulter gefasst.

Der Sarkophag war riesig. Kalkstein, beinahe zwei Meter hoch, über und über mit Inschriften bedeckt, kaum eine Handbreit nackter Stein dazwischen. Um ihn herum zog sich eine Prozession über die Wände: Figuren, Träger, Priester, Götter mit Tierköpfen, und in der Mitte ein Mann, größer als alle Menschen im Bild und kleiner als die Götter, in jener genau bemessenen Größe, die nur einem Herrscher zustand.

Rameses. Ein alter General, der es bis auf den Thron gebracht hatte und dann nicht einmal zwei volle Jahre bekam, um darauf zu sitzen. In den Fachbüchern stand das in einem Nebensatz: höchstes belegtes Regierungsjahr zwei, danach der Sohn. Hier stand es an den Wänden.

Man sah die Eile, wenn man wusste, wonach man schauen musste. Die Kammer war vollendet, mit einer Sorgfalt, die Monate gekostet haben musste, aber die Gänge, durch die ich gekommen war, hatten roh gewirkt, der Putz nur angelegt, an einer Stelle brach der Ocker mitten in einer Zeile ab, als hätte jemand die Hand gehoben und wäre nicht wiedergekommen. Ein ganzes Leben im Dienst anderer, zwei Jahre für sich, und dann ein Grab, an dem sie noch arbeiteten, als er längst darin lag. Geschichte ist manchmal ungerecht, dachte ich. Und manchmal, sehr selten, ist sie es nicht, und man steht dann davor und weiß nicht, was von beidem schlimmer ist.

Ich ging langsam um den Sarkophag herum, die Lampe hoch erhoben, und las die Wände, wie man ein Gesicht liest.

Und dann sah ich sie.

Auf Kniehöhe, an der Seitenwand des Sarkophags, fast zu übersehen zwischen all der königlichen Ordnung: eine andere Hand. Ich erkannte es sofort, so wie man in einem Brief erkennt, wo ein anderer Mensch weitergeschrieben hat. Die Linien feiner, hastiger, gedrängter, als hätte jemand dieses eine Bild in letzter Minute angebracht, in gestohlenen Stunden, kurz bevor das Grab für immer verschlossen wurde.

Ich kniete mich hin. Der Stein war kalt durch den Stoff meiner Hose. Ich hob die Lampe.

Eine Frau. Allein. Keine Prozession, keine Götter, keine Dienerinnen, nichts von der Grammatik, mit der jede andere Figur in diesem Grab in ihre Ordnung eingebunden war. Nur sie.

Und ihr Gesicht schaute mich an.

Nicht seitlich, wie alle anderen Figuren, wie jede ägyptische Figur, die ich je gesehen hatte. Frontal. Geradeaus. Direkt in meine Augen, über dreitausend Jahre hinweg, mit großen, dunklen, weit geöffneten Augen, und ihre Hand war ausgestreckt. Nicht abwehrend, nicht grüßend. Reichend. Als wollte sie etwas geben. Oder etwas zurückhaben.

Um ihren Hals, an einer Kette, ein ovales Amulett.

Mir wurde kalt, und es war nicht die Luft. Es war dieses Gefühl im Nacken, das man bekommt, wenn man merkt, dass man nicht mehr allein in einem Raum ist. Nur dass ich allein war, vollkommen allein, und die Einzige, die mich ansah, seit drei Jahrtausenden tot.

»Wer bist du?«, flüsterte ich. Meine Stimme klang fremd in der Kammer, zu weich, zu lebendig. »Wer hat dich hierher gemalt, wo dich nie ein Mensch finden sollte?«

Sie schaute mich an und antwortete nicht, und ihre Hand blieb ausgestreckt.


Die Nebenkammer fand ich, weil ich die Finger nicht bei mir behalten konnte. Das muss man mir lassen: Ich bin wenigstens konsequent in meinen Fehlern.

Ich wollte nur die Linie der ausgestreckten Hand nachfahren, ein einziges Mal, den Umriss, weiter nichts, als könnte ich durch die Fingerspitzen erfahren, was die Augen mir nicht sagten. Meine Hand streifte den Stein daneben.

Und der Stein gab nach.

Kein Laut, kein Ruck. Nur erst Widerstand und dann keiner mehr, ein halber Meter Bewegung, lautlos wie ein angehaltener Atem, und dahinter Dunkelheit und eine Luft, die anders roch als alles zuvor. Tiefer. Älter. Eine Luft, die seit dreitausend Jahren niemand geatmet hatte und die trotzdem nicht tot wirkte, sondern wartend, als hätte sie die ganze Zeit gewusst, dass irgendwann jemand kommen würde.

Ich hockte vor der Öffnung, und alles, was ich über eingestürzte Gänge, verschüttete Grabräuber und den langsamen Tod unter Steinen wusste, meldete sich ordnungsgemäß zu Wort.

Es gäbe jetzt genau eine vernünftige Möglichkeit, dachte ich.

Ich trat ein.


Der Raum war klein und vollkommen leer.

Keine Bilder. Keine Inschriften. Nach dem Farbenrausch draußen war diese Leere lauter als jede Bemalung: ein Raum, der nichts erzählen wollte, der nur aufbewahren sollte. In der Mitte ein schlichtes Steinpodest.

Und darauf: ein Amulett.

Nicht größer als meine Handfläche. Oval, aus einem Metall, das im Lampenlicht weder ganz Gold noch ganz Silber sein wollte, sondern zwischen beidem stand, wie eine Farbe, für die es kein Wort gab. Auf der Vorderseite ein Skarabäus, umgeben von Sternen: Orion, ich erkannte ihn auf den ersten Blick, die drei Gürtelsterne, die mein Vater mir vom Dach in Brooklyn aus gezeigt hatte, als ich sieben war. Auf der Rückseite Zeichen in einer Schrift, die ich nicht kannte. Und ich hatte in Ägypten inzwischen viele Schriften gesehen.

Das Notizbuch kam wieder heraus. Der Stift bewegte sich ruhig über das Papier, beschrieb, maß mit Blicken, verglich. Der Stift war das Ruhigste an mir. Alles andere, der Atem, das Herz, die Haut auf den Unterarmen, wusste längst etwas, das der Verstand noch ordentlich in Spalten sortieren wollte:

Die Frau an der Wand. Die ausgestreckte Hand. Das Oval um ihren Hals.

Sie hatte nicht irgendetwas gereicht, all die Jahrtausende hindurch.

Sie hatte das hier gereicht.

Die Lampe begann zu flackern. Das Petroleum ging zur Neige, und mit ihm ging meine Zeit, und alles Vernünftige in mir stand auf und sagte, sehr deutlich, mit der Stimme meiner Mutter: Geh. Jetzt. Du hast deine Geschichte, du hast mehr als deine Geschichte, geh.

Ich sah meine Hand, wie sie sich ausstreckte. Ich sah es, wie man einer Fremden zusieht, und ein Teil von mir dachte noch: Genau so hat sie die Hand ausgestreckt, an der Wand.

Dann berührte ich es.


Das Amulett war warm.

Nicht sonnenwarm, nicht handwarm. Warm wie Haut. Viel zu warm für ein Ding, das dreitausend Jahre in absoluter Dunkelheit gelegen hatte, und es lag in meiner Handfläche und pulsierte. Zuerst dachte ich, das sei mein eigenes Herz, das ich bis in die Finger spürte. Dann merkte ich: zu langsam. Zu gleichmäßig. Kein menschlicher Rhythmus. Eher wie der Atem von etwas, das sehr alt war und sehr geduldig und das nun, nach langem Warten, die Augen aufschlug.

Lass los, sagte mein Kopf.

Meine Finger schlossen sich fester. Ich schwöre, dass ich es nicht wollte. Ich schwöre auch, dass das nicht die ganze Wahrheit ist.

Das Licht erlosch. Kein letztes Flackern, keine Gnadenfrist, einfach aus, und die Dunkelheit war so vollständig, dass sie sich auf die Augen legte wie eine Hand. Und in dieser Dunkelheit begann das Amulett zu brennen. Hitze stieg von der Handfläche den Arm hinauf, unter die Achsel, in die Brust, bis dorthin, wo das Herz saß, und das Herz nahm diesen fremden, langsamen, geduldigen Takt an, und ich wollte die Hand öffnen, ich wollte es wirklich.

Es ging nicht.

Ich weiß noch, dass ich Luft holte, um zu schreien.

Dann war alles weg. Der Stein, die Luft, die Stille, das Grab, die Welt: weg, in einem einzigen Moment, der kürzer war als der Atemzug, den ich nie zu Ende nahm.


Harter Boden.

Stein. Aber warmer Stein, Stein, der einen ganzen Tag Sonne gespeichert hatte und sie nun langsam wieder hergab, an meine Wange, meine Handflächen, meine Hüfte. Nicht die Kälte des Grabes. Das war das Erste, was ich begriff, noch vor dem Sehen: Die Welt hatte eine andere Temperatur.

Ich blinzelte. Über mir Holzbalken, grob behauen, dunkel, mit Resten von rotem Pigment in den Fasern. Irgendwo summte träge eine Fliege. Ein schmaler, goldener Lichtstreifen wanderte durch Staub, der in der Luft hing und sich nicht beeilte.

Ich richtete mich auf, Zentimeter um Zentimeter, wie man sich nach einem Sturz aufrichtet, wenn man noch nicht weiß, was gebrochen ist. Meine Finger öffneten sich von selbst. Das Amulett lag noch da, warm und still und vollkommen unschuldig in meiner offenen Hand, als wäre nichts gewesen.

Dann kamen die Gerüche, alle auf einmal, und ich saß auf dem heißen Boden und versuchte zu begreifen, was meine Nase mir da meldete. Holzkohle, eindeutig. Darunter Pferdemist, unvermeidlich und beinahe tröstlich, weil vertraut. Aber dann etwas anderes. Wärmer. Samtiger. Moschus? Amber? Etwas Geröstetes, etwas Blühendes, etwas, das ich nie zuvor gerochen hatte und das sich festsetzte, tief, endgültig, ein Duft, von dem ich in diesem Moment schon wusste, dass ich ihn nie wieder loswerden würde.

Was für eine irre Mischung, dachte ich. Und gleich danach, viel leiser: Das ist nicht das Grab.

Ein Lagerraum. Niedrig, schmal. Tonkrüge an der Wand aufgereiht, zusammengerollte Matten, Körbe, Dinge, deren Zweck ich nicht einordnen konnte. Durch die Ritzen einer Holztür fiel goldenes Nachmittagslicht. Nachmittag. Ich war im Morgengrauen in das Grab gestiegen.

Mein Verstand arbeitete, das muss man ihm lassen. Er legte Erklärungen vor wie ein übereifriger Anwalt: Ohnmacht. Ein Sturz. Man hat dich gefunden, man hat dich ins Lager getragen, gleich kommt jemand mit Wasser und einem Vortrag über Frauen, die nachts in Gräber steigen. Es waren gute Erklärungen. Keine davon erklärte den Duft.

Dann: Stimmen.

Direkt hinter der Tür, näher, als mir lieb war. Zwei Menschen, vielleicht drei, ein Auf und Ab von Lauten, und mein ganzer Körper wurde still, noch bevor ich verstand, warum.

Ich verstand kein Wort. Nicht: Ich verstand die Sprache nicht. Ich hatte in drei Wochen Ägypten Arabisch gehört, Englisch, Französisch, das Nubische der Träger. Dies war nichts davon. Dies war nichts, was ich je gehört hatte, und es klang trotzdem nicht fremd, sondern wie zu Hause. Menschen, die sich in ihrer eigenen Sprache über irgendetwas Alltägliches unterhielten, ein Witz vielleicht, ein kurzes Lachen.

Ich schob mich rückwärts, bis meine Schulterblätter die Wand fanden. Kühler Lehm. Ich hielt die Luft an. Das Amulett lag in meiner Faust, ruhig und geduldig, und ich hielt es fest wie das Einzige, was mir von der Welt geblieben war. Was, wie sich herausstellen sollte, ziemlich genau der Wahrheit entsprach.

Die Stimmen kamen näher.

Jemand legte die Hand an die Tür.

Und dann ging die Tür auf.

Wie es weitergeht, steht in „Der Duft von Amber und Zeit“ — Band 1 der Amulett-Trilogie. Die Kapitel 2 bis 4 schicke ich allen, die den Newsletter abonnieren.

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